Haus der Stummen – John Burnside

IMG_6323

Rezension

Haus der Stummen

Autor: John Burnside

Knaus Verlag, 2014

Klappentext:

Akbar der Große, so die Sage, hat einst einen Palast errichtet, in dem eine Gruppe Neugeborener, isoliert von der Außenwelt und versorgt von Stummen, aufwachsen sollte: das Haus der Stummen. So wollte er erforschen, ob Sprache erlernt oder uns angeboren ist. John Burnsides Erzähler ist besessen davon, diese Frage aufs Neue zu klären. In der Tradition Akbars ersinnt er ein bizarres Experiment, für dessen Umsetzung er vor nichts zurückschreckt.

Ganz zufrieden bin ich mit dem Klappentext nicht. Die Information über das Experiment ist wichtig, aber »vor nichts zurückschrecken« kann nicht einmal ansatzweise den Charakter des Ich-Erzählers beschreiben.

Ich habe dieses Buch gekauft, weil die Rezension im WDR so spannend war. Die Empfehlung am Schluss lautete: Empfindliche Gemüter und Menschen mit kleinen Kindern sollten das besser nicht lesen. Ganz klar, das hat mich neugierig gemacht. Außerdem soll der Ursprung der Sprache erforscht werden. Ein Thema, das mich grundsätzlich interessiert und mal ehrlich: es ist schon spannend zu erfahren, wie sich Zwillinge, die keine Sprache erlernen, die niemanden außer sich gegenseitig haben, verständigen. Wie sie kommunizieren. Und vielleicht doch eine Art Ursprache entwickeln.

Vollkommen zum Thema passend ist die Sprache des Autors, nein, des Erzählers. Nur ein Beispiel von vielen, das ganze Buch ist in dieser Art geschrieben, die die Kleinigkeit im großen Ganzen findet. Und ja, diese Stimme sagt ebenso viel über den Ich-Erzähler aus.

»Die Sonne leuchtete schon, diese Schatteninseln aber würden noch stundenlang bleiben, wie Falltüren in eine Nacht, die niemals vollständig verging, eine so kalte wie feuchte und unbegreifliche Vorhölle.«

Der Erzähler, er ist nicht einer, der »vor nichts zurückschreckt«, kein Holterdipolter, kein Grobian. Nein, es ist ein Feingeist, der sich gewählt ausdrückt, wissbegierig ist. Nach und nach erzählt er seine Geschichte und der wirkliche Schrecken liegt darin, dass man ihm so nah ist. Dass man seine Gedanken und Gefühle so gut nachvollziehen kann, dass man hineingezogen wird, wissen will. Und das, obwohl einem sehr schnell klar wird, das es sich um einen Verrückten handeln muss. Einen Psychopathen der besonderen Art, der in seiner eigenen Welt lebt.

Der erste Satz: »Niemand kann behaupten, es hätte mir freigestanden, die Zwillinge zu töten, so wenig, wie es mir freistand, sie auf die Welt zu bringen.«

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. Gleich nach »Lady Bag« von Liza Cody ist es das Buch dieses Lesewinters.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.