Braucht man ein Lektorat?

Liebe und Leidenschaft

Gestern ist ein Blogartikel online gegangen, in dem eine Selfpublisherin schreibt, sie verzichte auf das Lektorat bei ihren Büchern, weil es ihr zu teuer sei. So weit, so gut, jeder muss schließlich selbst wissen, wofür er sein Geld ausgibt. Dann allerdings postuliert sie, dass ein Buch auch ohne Lektorat ein gutes Buch sein könne, selbst wenn es stilistische Fehler und andere »Anfängerfehler« habe. Sie weigert sich, ein Lektorat zu bezahlen; hinzunehmen, dass KollegInnen sie auf die Fehler hinweisen. Sie bestreitet, dass ein unlektorierter Text nicht gut sein kann. Kann er das?

Als, wie meine Kinder sagen, mittelalte Frau mit einer gestandenen Lesevergangenheit, Familie und Job muss ich dem widersprechen. Ich lese viel, ich höre Hörbücher beim Autofahren, beim Kochen, beim Bügeln, beim Einkaufen. Als Leserin bin ich nicht bereit, meine kostbare Zeit an eine Geschichte mit logischen Brüchen, stilistischen Fehlern und Ähnlichem zu verschwenden. Ich schalte ab, ich lege das Buch weg. Ich will unterhalten werden, in neue, andere Welten, Länder, Köpfe geführt werden, ich will nur das Beste. Meine Zeit ist zu kostbar für alles andere.

Als Lektorin arbeite ich vor allem mit Selfpublishern zusammen. Das tolle daran ist, dass ich dabei mit so vielen verschiedenen Menschen und ihren Geschichten arbeiten darf. Von der Schülerin bis zum Rentner, von der Zeitschriftenredakteurin, die ein Sachbuch schreiben will bis zum Familienvater, der die zauberhaften Märchen veröffentlicht, die er für seine Tochter schreibt. Sie alle verbindet das Bedürfnis zu schreiben und Talent. Mal mehr, mal weniger. Als Lektorin bin ich für sie Gedankenstrukturiererin, Verdichterin, Spannungsfinderin, Handwerkübermittlerin und oft auch Coach. Manche Texte brauchen viel Arbeit von AutorIn und LektorIn, manche sind schon gut. Gut?
Ja, es gibt auch unter den SelfpublisherInnen viele AutorInnen, die gut schreiben. Die, die erfolgreich sind, die viele treue LeserInnen haben, die sind nicht nur gut. Die gehören zu den Besten. Unter anderem deswegen, weil ihre Texte ein Lektorat durchgemacht haben. Und zwar ein auf die Zielgruppe zugeschnittenes Lektorat. Ein Schmachtfetzen wird durch ein gutes Lektorat nicht zu hoher Literatur. Er wird zu einem guten Schmachtfetzen, durch den man lesend hindurch gleitet und der hinterher ein wohliges Gefühl im Bauch hinterlässt. Ein Thriller wird zu einem nervenaufreibenden Leseerlebnis. So einen kauft man wieder, wenn das Bedürfnis getroffen war. Hier verbindet sich der »Kommerz« mit dem Lektorat. Genau wie Verlage wollen Selfpublisher Bücher verkaufen, und Leser von sich und ihrem Produkt überzeugen. Sie müssen professionell sein, dazu brauchen sie gute Ware. Also genau das, was ich als Leserin will.

Als Lektorin lasse ich mich immer wieder aufs Neue von Geschichten begeistern, ich sehe hinter jedem Text die Idee, versuche zu erkennen und benennen, was der Autor, die Autorin schaffen will. Einen exorbitant guten Text zu erschaffen ist wie ein Kunstwerk, eine Skulptur zu erarbeiten. Zuerst ist da ein Klumpen Ton, ein Stück Holz, ein Marmorblock. Bei der Bearbeitung geht es darum, das Kunstwerk sichtbar zu machen, die Proportionen richtig zu planen und zu setzen, die Feinheiten zu bearbeiten, immer wieder, bis aus dem Berg Marmor in mühevoller, schweißtreibender Arbeit der David entstanden ist. Als Lektorin ist es meine Aufgabe, die unebenen Stellen zu finden und das Werkzeug anzureichen. Damit das Buch es am Ende wert ist, gelesen zu werden.

Aus dem Blogartikel »Ich weigere mich.« spricht vieles, unter anderem Frust über die Branche. Selfpublishing ist ein hartes Geschäft, das Verlagsgeschäft nicht weniger. Doch was mich traurig stimmt für die Verfasserin des Artikels, ist, dass man kein bisschen Leidenschaft spürt. Im besten Fall, und nun darf ich als Autorin sprechen, findet man eine Lektorin, einen Lektor, die oder der Feuer fängt. Die leidenschaftlich daran arbeitet, mir zu zeigen, wie aus meinem Buch das beste Buch wird. Die mich aufbaut und antreibt, wenn es notwendig ist und die auch nach vielen Berufsjahren ein Glitzern in den Augen hat, wenn sie eine gute Geschichte sieht. Die die Liebe zu den Geschichten mit mir teilt. Daraus entstehen gute Bücher.

(Zuerst veröffentlicht auf edelundelectric.de)

Ursula Hahnenberg ist zertifizierte Lektorin (ADM), Mitglied im VfLL, dem Verband der freien Lektorinnen und Lektoren, und Autorin. Nach einigen Sachbüchern erscheint im Juli 2016 ihr Krimi »Teufelstritt« im Goldmann Verlag.

2 Kommentare

  • da bin ich ganz bei dir, liebe Ursula.
    Unlektoriertes Wortgewurstel, stilistische Brüche, Ungereimtheiten im Handlungsstrang (die sich nicht später auflösen oder die mich nicht zumindest neugierig auf die spätere Auflösung machen), fehlende Auflösungen/Erklärungen, ganz schlimm auch: mangelhafte Rechtschreibung und Grammatik – all das bewegt mich nur zu einem: Buch weg. Fehlkauf.
    Was folgen muss, zwangsläufig, ist eine schlechte Rezension, wenn nicht gar ein totaler Verriss.
    Da kann das Sujet noch so interessant sein, wenn Verpackung und Proportionen nicht stimmen – objektiv nicht stimmen – ist das Werk Zeitverschwendung. Sowohl für den Leser als auch für den Autor/die Autorin, und das Geld, das eben mit schlechten Werken nicht verdient wird, dürfte weit schwerer wiegen als die geldliche Ausgabe für ein vernünftiges Lektorat.

  • Da kann ich euch beiden nur zustimmen. Sowohl aus Sicht der Lektorin als auch aus Sicht der Leserin, die ich schließlich auch bin. Wer viel liest, hat auch einen hohen Anspruch an ein Buch, der sich über die Jahre aus dem Standard lektorierter Bücher entwickelt hat. Wenn ich ein Buch lese und im ersten Kapitel bereits syntaktische, grammatikalische und vor allem orthographische Fehler vorfinde, habe ich schon keine Lust mehr weiterzulesen. Ich kann mich nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren, weil mir überall Fehler in den Blick springen. Das strengt nicht nur an, sondern lässt auch erkennen, dass der Autor/die Autorin nicht sehr leidenschaftlich mit seinem Werk verbunden ist und daher der Anspruch fehlt, es bis auf den letzten Punkt zu vervollständigen. Eine unvollkommene Arbeit als Spiegelbild des Autors/der Autorin? Da hätten sich Flaubert, Cervantes, Schiller, Fontane und Co. im Grab umgedreht!

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